Kate’s Report Teil 3

Ach Corona, wir werden wohl niemals Freunde!

Was sind das nicht wieder für turbulente Zeiten, in denen wir leben – dabei wird der heutigen Generation doch so ein friedliches und sorgenloses Leben nachgesagt. Jede Generation hat ihre Geschichte – mit guten wie auch schlechten Seiten. Wie heißt es in Chuck Palahniuks Meisterwerk „Fight Club“ so schön „Wir sind die Zweitgeborenen der Geschichte, Leute. Wir haben keinen großen Krieg, keine große Depression. Unser großer Krieg ist ein spiritueller, unsere große Depression ist unser Leben.“, tja, dafür haben wir jetzt COVID-19.

Ich muss gestehen, ich habe die ganze Situation und das Ausmaß dessen absolut unterschätzt. Vielen wird es damit wohl ähnlich gehen, aber wer hätte denn auch schon mit so etwas rechnen können? Anfangs hielt ich das ganze Thema um Corona für reine Panikmacherei, für einen Marketingtrick der Medien, der aus dem Ruder lief. Ich war davon überzeugt, dass sich der ganze Wirbel schon bald wieder ganz von alleine auflösen würde, so wie es in der Vergangenheit ja auch meist der Fall war. Schweinegrippe, Vogelgrippe und dutzende andere Krankheiten sind im Endeffekt genauso schnell wieder verschwunden, wie sie erschienen sind. Sobald sich die Meldungen darüber nicht mehr so gut verkaufen, verblasst die Gefahr auch auf einmal. Natürlich spielen für das Verschwinden und Heilen von Krankheiten andere Faktoren eine entscheidendere Rolle, aber auch darüber wird am Ende nicht mehr wirklich berichtet.  Anfangs ist die Aufregung noch groß aber schon bald spricht keiner mehr darüber, davon ging ich insgeheim zumindest aus.

Inzwischen weiß ich mehr und so sehr man es auch versuchen mag, man kann seine Augen nicht länger davor verschließen und so tun, als wäre das alles nur viel Lärm um nichts. Jeder hat wohl seine eigene Meinung dazu und seine eigene Art damit umzugehen, das ist auch vollkommen okay! Aber keine Meinung zu haben und so zu tun, als wäre das alles nur halb so wild und man solle sich nicht so anstellen, das ist nicht nur bescheuert, sondern schadet anderen in vielerlei Hinsicht. Ich persönlich finde es zwar auch übertrieben, gleich tausend Rollen Toilettenpapier zu horten und den Supermarkt mit meinem Hamsterkauf zu verwüsten, aber andere scheinen das ja irgendwie zu brauchen.

Doch wie verhält man sich in so einer Situation denn eigentlich richtig? In meinem Umfeld spalten sich diesbezüglich die Meinungen. Ein paar Freunde, die derzeit eine schulische Ausbildung absolvieren, freuen sich regelrecht über das Virus, da die Schulen jetzt alle geschlossen sind und Prüfungen abgesagt wurden. Auch die Universitäten ähneln einer Geisterstadt und sind verlassen. Klar, in dieser Hinsicht hat so eine Pandemie natürlich schon seine Vorteile. Anders ist es da allerdings in der Berufswelt. Handelsunternehmen, deren Existenzen auf Import und Export aufgebaut sind, stehen jetzt vor dem Aus. Die Reiseindustrie ist ebenfalls auf Eis gelegt.

Besonders stark betroffen ist die gesamte Veranstaltungsbranche, die nun regelrecht in sich zusammenfällt und dringend Unterstützung benötigt!

„Nun haben wir die Situation, die ich vor zwei Wochen bereits angekündigt habe: Jetzt merkt jeder, wie es ihn treffen wird, sodass unsere Branche keine Chance mehr hat, deutlich zu machen, dass es die Veranstaltungswirtschaft doppelt schlägt.“, so Bernd Fritzges, Vorstandvorsitzender vom Verband der Veranstaltungsorganisatoren – VDVO. Dutzende Unternehmen wissen einfach nicht mehr weiter, aber was soll man denn jetzt am besten tun? Wie kann man der Krise entgegenwirken, um sich zu schützen und nicht unter zu gehen?

Aus gesundheitlicher Sicht scheint es inzwischen deutlich weniger Fragen zu geben, man weiß jetzt ungefähr, was das Virus ist und was es mit einem macht. Da jeder schon einmal die Grippe hatte, kann man sich die Grundform von COVID-19 ja ungefähr ausmalen, wenn auch nur in kleiner Form.

Vor allem die jüngere Generation macht sich bezüglich der gesundheitlichen Auswirkungen von COVID-19 weniger Gedanken. Man ist ja jung und steckt sowas leichter weg, ist die Devise. Bei einer Sache sind die meisten dann aber doch besorgt, wenn es darum geht, seine Familie oder Freunde unwissentlich anstecken zu können und somit in Gefahr zu bringen. Gezieltes Anstecken der Risikogruppe mit medizinisch überwachter Versorgung könnte die Angst lindern und Schlimmeres vermeiden.

Aus wirtschaftlicher Sicht stehen wir allerdings vor einem erschreckenden Scherbenhaufen, dessen Ausmaß uns erst nach und nach bewusst wird. Seit Montag, dem 16.03.2020, stehen die Büros leer, Schulen sind geschlossen, öffentliche Einrichtungen sollte man meiden und von sozialen Kontakten sollte man am besten gleich ganz Abstand nehmen. Am besten sperrt man sich alleine zuhause ein und wartet darauf, bis die Apokalypse vorüber ist – das kann es doch nicht wirklich sein, oder? Die Frage danach, ob man sich infizieren wird, ist längst veraltet, denn das werden wir früher oder später alle. Wichtig ist also nicht ob sondern wann. Damit das Gesundheitssystem nicht völlig zusammenbricht und die medizinische Versorgung dennoch vorhanden bleibt, muss die Welle an Infektionen ausgedehnt und auf einen längeren Zeitraum verteilt werden.

Doch wie würden die nächsten Wochen oder Monate dann für uns aussehen? Für die meisten Berufstätigen ist ab jetzt erst einmal Home-Office angesagt, denn irgendwie muss auch weiterhin gearbeitet werden und Bewegung drinbleiben. Viele Arbeitgeber versuchen händeringend ihr Unternehmen am Laufen zu halten und ihre Angestellten zu beschäftigen. Aber wo keine Aufträge reinkommen, keine Ware geliefert wird und keine Zusammenarbeit möglich ist, wird früher oder später auch kein Geld mehr fließen.

Viele Studenten, die sich mit Kellner-Jobs über Wasser halten, wissen jetzt nicht mehr wie sie ihre Miete zahlen sollen. Muss man sich jetzt zwischen der eigenen Gesundheit und einem Dach über den Kopf entscheiden, da beides gerade nicht zusammen möglich erscheint? Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Als Studentin war ich von Anfang an auf Nebenjobs angewiesen und hatte teilweise sogar drei Jobs gleichzeitig neben dem Studium. Ich kenne die Sorge um den Kontostand und die zu zahlenden Rechnungen nur zu gut aber irgendwie wurschtelt man sich da so durch – das typisches Studentenleben eben. Aber auch das hat sich inzwischen geändert. Für Studenten und Mini-Jobber ist es momentan besonders schwer, da sie auf dem Arbeitsmarkt eher das Schlusslicht bilden und teilweise auch leider genauso behandelt werden. Man ist ja angeblich leicht ersetzbar oder weniger wichtig, also werden diese Stellen natürlich als erstes gestrichen. Stellen werden jetzt schon abgebaut und die Betriebe laufen auf Sparflamme. Was würde passieren, wenn wir jetzt wirklich für mehrere Wochen und Monate nicht arbeiten können, wer kommt denn dann für all die Rechnung auf, woher soll das Geld zur Existenzsicherung kommen?

Die Corona-Welle scheint vor niemanden halt zu machen. Inzwischen müsste es doch langsam allen klar werden, dass jeder einzelne bereits betroffen ist oder es bald sein wird. So zum Beispiel auch bei meinem Bruder. Als Erzieher arbeitet er in einem Kieler Kindergarten, welcher jetzt ebenfalls geschlossen ist. Damit die Gehälter aber dennoch irgendwie weiter fließen können, fahren die meisten seiner Kollegen trotzdem weiterhin in den geschlossenen Kindergarten. Mit Bestandsaufnahmen, Aufräum- und Putzaktionen versuchen sie wenigstens so auf einen Teil ihre Stunden zu kommen. „Natürlich gehe ich lieber den Kindergarten schrubben, als untätig rum zu sitzen und zu hoffen, dass das Geld schon irgendwie reinkommt!“, so mein Bruder. Andere versuchen nun ihre angesammelten Überstunden abzuarbeiten oder nutzen gar ihre Urlaubstage. Irgendwas muss man ja auch tun, denn wenn jetzt alles plötzlich stillstehen würde, würde die Situation nur noch schlimmer werden.

Auch meine Schwester bekommt die Auswirkungen der Krise an ihrem Arbeitsplatz deutlich zu spüren. Sie arbeitet in einer Organisation für interkulturellen Austausch, organisiert Auslandsaufenthalte für jung und alt, Schüleraustausch, Auslandpraktika und vieles mehr und das über den gesamten Erdball verteilt. Tja, auch damit ist jetzt erst einmal Schluss, denn das Ein-und Ausreisen ist derzeit kaum noch oder nur bedingt möglich. Viele Länder haben ihre Grenzen bereits geschlossen. Kein Wunder also, dass das Telefon nicht mehr stillsteht, denn man muss jetzt versuchen, die Ausgereisten Personen irgendwie wieder zurück zu bekommen. Und all das, obwohl momentan keine Ein-und Ausreisen erfolgen sollen. Der Umgang mit einer derartigen Situation ist auch hier neu und nicht leicht.

Mich persönlich trifft es natürlich auch und so langsam mache auch ich mir Gedanken darüber, wie es zukünftig weiter gehen kann. Die Zeit meines Praktikums bei Bernd Fritzges und dem VDVO neigt sich nach drei Monaten langsam dem Ende entgegen. Was werde ich danach tun? Natürlich habe ich mir insgeheim erhofft, dass ich mich während des Praktikums so gut beweisen kann, sodass daraus auch langfristig ein Job entstehen könnte. Man hört ja immer mal wieder von solchen Glückskindern, die durch ein Praktikum an ihren Traumjob gelangen. Gerade nach den vergangenen Wochen voller spannender Erlebnisse und unzähligen neuen Erfahrung habe ich den Job, das Team und die Zusammenarbeit kennen und lieben gelernt – es ist aber auch ein verdammt cooler Job! Doch was gerade noch zum Greifen nah schien, wirkt jetzt ganz unsicher und weit entfernt.

In Zeiten wie diesen, in denen Stellen gestrichen, Betriebe eingestellt und Existenzen gefährdet sind, ist es gerade für Berufseinsteiger unvorstellbar schwer geworden. Es scheint mir auch logisch zu sein, dass man nun eher versucht, den langjährigen und erfahreneren Mitarbeitern den Arbeitsplatz zu sichern, anstatt Neulinge einzuarbeiten. Zuerst muss die Krise überwunden werden, alles andere sieht man dann.  Aber was geschieht bis dahin mit all den Neueinsteigern, den Studenten, den Mini-Jobbern und den Aushilfskräften? Woran können wir uns festhalten und wie können wir unser Leben bis dahin finanzieren?

Das geplante Schutzschild für Beschäftigte und Unternehmen klingen im ersten Moment zwar schön und gut aber wer wird letztendlich wirklich davon profitieren können? Kommt diese angekündigte staatliche Hilfe wirklich auch bei allen an? Gebraucht wird sie zweifellos und das von jedem einzelnen. Nur leider stößt man bei solchen Rettungspaketen immer wieder auf ein gleiches Phänomen, denn mit solchen Paketen werden zuerst einmal die großen Fische versorgt. „Es macht mir den Anschein, dass dieses Programm ausschließlich für die großen Unternehmen mit ausreichend Kapitalreserven aufgelegt wurde, die mit dem ersten Coronavirus-Knock-Out noch gar nicht getroffen wurden“, so Fritzges.

Auch Michael Wagner, geschäftsführender Gesellschafter der Form Foundation GmbH, steht dem Maßnahmenpaket kritisch gegenüber: „Es drängt sich in der jetzigen Situation der Eindruck auf, dass mit dem Leid der Unternehmen noch Geld verdient werden soll.“, weiter sagt er „Ich glaube auch, dass dieses bereitgestellte Geld bei denen ankommt, die es noch am wenigsten nötig haben. Es ist für mich auch keine Soforthilfe im eigentlichen Sinne“, so der erfahrene Messebauer. Auf der Internetseite des VDVO (vdvo.de/blog) finden Sie weitere Interviews und Artikel zu diesem Thema. Dort erfahren Sie detailliert und aus erster Hand, wie es wirklich um die Veranstaltungsindustrie steht und warum dringend gehandelt werden muss.

Hilfe und Unterstützung wird dringend benötigt! Zu diesem Zweck ist derzeit eine Petition im Umlauf, mit der eine sofortige Hilfe gefordert wird. Nicht als Kredit, sondern als Zuschuss für die Umsätze und Einkommen, welche innerhalb von wenigen Tagen plötzlich weggebrochen sind. Gefordert wird ein bedingungsloses Grundeinkommen von 800-1200 Euro pro Person für sechs Monate. „Schnell, unkompliziert, zeitlich begrenzt. DAS würde den sozialen Absturz Tausender verhindern und gleichzeitig die Kaufkraft im Land erhalten.“, sagte Tonia Merz, Frontfrau der Petition. Gleichheit ist das Zauberwort, denn wir alle stecken in dieser Krise und wir alle haben das gleiche Recht auf Unterstützung!

Und bis die Rettungsschirme greifen, müssen wir uns eben solange gegenseitig helfen. Mitgefühl und Weisheit bilden dabei den entscheidenden Schlüssel. Zwei ganz simpel erscheinende Wörter mit einer enormen Wirkungskraft. Nur leider scheint das noch nicht bei allen angekommen zu sein. Anstatt die Supermarktmitarbeiter anzupöbeln, weil so viele Produkte bereits ausverkauft sind, sollte man sich lieber mal bei ihnen bedanken. Ohne die Mitarbeiter, die sich jeden Tag mit mehreren hundert Leuten auf kleinstem Raum umgeben müssen, wären wir alle schon längst aufgeschmissen und ohne Klopapier. Ein Mindestmaß an Respekt und Anstand ist nun wirklich nicht zu viel verlangt.

Einen schönen Kontrast dazu bilden derzeit kleine Hilfsbewegungen, die sich aus Nachbarn, Bekannten und generell Hilfsbereiten Mitmenschen zusammensetzen. Ganz nach dem Motto „gemeinsam sind wir stark“ helfen sich Jung und Alt bei der Bewältigung der Krisensituation. „Ich koche meinen Nachbarn gerade eine frische Hühnersuppe und bringe sie ihnen gleich vorbei.“, erzählte mir mein Bruder heute. Auch der Rest meiner Familie packt gerne mit an und hilft dort, wo Hilfe gebraucht wird. Egal ob es das Kochen einer Suppe für die Nachbarn ist oder ein Supermarktbesuch, den man für Ältere und Geschwächte übernimmt. Man kann so leicht so viel Gutes tun. Also, lasst uns nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern packt alle mit an und unterstützt einander, schließlich stecken wir alle in dieser Krise fest und „in der Krise beweist sich der Charakter“ – Helmut Schmidt.